Gunther Teubner

30.05.18
D Digitale Rechtssubjekte? Zum privatrechtlichen Status autonomer Softwareagenten

Autonome Softwareagenten sind mathematisch formalisierte Informationsflüsse, denen schon heute in Wirtschaft und Gesellschaft unter bestimmten Bedingungen soziale Identität und Handlungsfähigkeit zugeschrieben wird. Aufgrund sozialer Handlungszurechnung sind sie zu nicht-menschlichen Mitgliedern der Gesellschaft geworden. Sie werfen drei neue Verantwortungsrisiken auf: (1) das Autonomierisiko, das in eigenständigen „Entscheidungen“ der Softwareagenten seinen Ursprung hat, (2) das Verbundrisiko, das auf die enge Kooperation von Menschen und Softwareagenten zurückzuführen ist, und (3) das Vernetzungsrisiko, das entsteht, wenn Computer in enger Verflechtung mit anderen Computern agieren. Diese Risiken stellen das Privatrecht vor die Herausforderung, für autonome digitale Informationssysteme einen neuen Rechtsstatus zu bestimmen – freilich nicht als volle Personifizierung von Softwareagenten, Mensch-Computer- Assoziationen oder Multi-Agenten-Systemen. Als Antwort auf die drei Risiken sollte vielmehr den Algorithmen jeweils ein auf ihre konkrete Rolle sorgfältig kalibrierter Rechtsstatus zuerkannt werden.

E Digital Personhood? The Status of Autonomous Software Agents in Private Law

Autonomous software agents are mathematically formalized information flows. Already today in the economy and in society, they are attributed social identity and ability to act under certain conditions. Due to social action attribution, they have become non-human members of society. They pose three new liability risks: (1) the risk of autonomy, which has its origin in stand-alone “decisions” taken by the software agents, (2) the composite risk, which is due to the close cooperation between people and software agents, and (3) the network risk that occurs when computer systems operate in close integration with other computer systems. These risks pose a challenge for private law: to define a new legal status for autonomous digital information systems – however not simply as complete legal personification of software agents, human-computer associations or multi-agent systems respectively. Rather, in response to each of the three risks, a legal status should be granted to each of the algorithmic types that is carefully calibrated to their specific role.

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31.10.14
D Recht und Sozialtheorie: Drei Probleme

Drei Theoriekatastrophen sind dafür verantwortlich, dass nach anfänglich hoher Theorieaffinität die deutsche Rechtsdogmatik sich heute gegenüber Sozialtheorien weitgehend immunisiert hat. Der Beitrag diskutiert die Alternative eines distanzierten Umgangs mit Sozialtheorien. Dieser kann in der Begegnung von Sozialtheorie und Recht einen rechtsdogmatischen Mehrwert dann erzeugen, wenn es der Rechtsdogmatik gelingt, dem prekären Verhältnis von Autonomie und Interdependenz in drei unterschiedlichen Dimensionen gerecht zu werden: (1) Theoriekonkurrenz: Wie soll das Recht eine Auswahl treffen, wenn konkurrierende Sozialtheorien miteinander nicht kompatible Analysen von Sozialphänomenen liefern? (2) Wissenstransfer: Wie lassen sich Konstrukte der Sozialtheorien in das Recht übertragen? (3) Und schliesslich die heikelste Frage nach der Normativität von Sozialtheorien: Lassen sich aus wissenschaftlichen Theorien normative Kriterien für die Rechtspraxis gewinnen? Antworten zu diesen Fragen werden am Beispiel der horizontalen Grundrechtswirkung in halb-privaten Netzwerken der Medizinforschung formuliert.

E Law and Social Theory: Three Problems

Three theory disasters are responsible for the fact that, after an initial close affinity to theory, German legal doctrine has now become largely immunised against social theories. This paper discusses the alternative of a distanced approach to social theories. At the point where social theory comes into contact with law, this approach is able to generate added value for legal doctrine, if legal doctrine is able to take into account the precarious relationship between autonomy and interdependence in three different dimensions: (1) competition between theories: how is the law to make a selection, when competing social theories provide mutually incompatible analyses of social phenomena? (2) knowledge transfer: how can constructs of social theories be transferred to the law? (3) and, finally, the highly complex issue of the normativity of social theories: can normative criteria for legal practice be derived from academic theories? Answers to these questions are formulated on the basis of the example of the horizontal effect of fundamental rights in semiprivate networks of medical research.

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18.07.12
D Das Recht vor seinem Gesetz

Franz Kafka zur (Un‐)Möglichkeit einer Selbstreflexion des Rechts

Stellen wir uns vor, der Mann vom Lande in Kafkas Parabel „Vor dem Gesetz“ sei nicht, wie es in der vorschnellen Rollenfixierung zahlreicher Kafka‐Interpretationen heißt, das menschliche Individuum, das der Gewalt der institutionalisierten Gesetzlichkeit (der Macht, der Moral, der Religion etc.) ausgeliefert ist. Er sei stattdessen ein Richter „vom Lande“, einer der draußen im Lande einen Rechtsfall nach Recht und Gesetz zu behandeln hat und der nun in seinen Entscheidungsqualen mit dem Gesetz nicht zu Recht kommt.

E The Law before its law

Franz Kafka on the (Im‐)Possibility of Law’s Self‐Reflection

Let us imagine that the man from the country in Kafka’s parable “Before the law” is not the human individual who has been delivered up to the force of institutionalised legalism (power, morality, religion etc), as we find in numerous Kafka interpretations with their somewhat over‐hasty role fixation. Let us suppose instead that he is a judge “from the country”, who – back there, in the country – has to deal with a legal case according to the law, and who now, in the torment of decision‐making, cannot find what is right according to the law.

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D
Digitale Rechtssubjekte? Zum privatrechtlichen Status autonomer Softwareagenten

Autonome Softwareagenten sind mathematisch formalisierte Informationsflüsse, denen schon heute in Wirtschaft und Gesellschaft unter bestimmten Bedingungen soziale Identität und Handlungsfähigkeit zugeschrieben wird. Aufgrund sozialer Handlungszurechnung sind sie zu nicht-menschlichen Mitgliedern der Gesellschaft geworden. Sie werfen drei neue Verantwortungsrisiken auf: (1) das Autonomierisiko, das in eigenständigen „Entscheidungen“ der Softwareagenten seinen Ursprung hat, (2) das Verbundrisiko, das auf die enge Kooperation von Menschen und Softwareagenten zurückzuführen ist, und (3) das Vernetzungsrisiko, das entsteht, wenn Computer in enger Verflechtung mit anderen Computern agieren. Diese Risiken stellen das Privatrecht vor die Herausforderung, für autonome digitale Informationssysteme einen neuen Rechtsstatus zu bestimmen – freilich nicht als volle Personifizierung von Softwareagenten, Mensch-Computer- Assoziationen oder Multi-Agenten-Systemen. Als Antwort auf die drei Risiken sollte vielmehr den Algorithmen jeweils ein auf ihre konkrete Rolle sorgfältig kalibrierter Rechtsstatus zuerkannt werden.

E
Digital Personhood? The Status of Autonomous Software Agents in Private Law

Autonomous software agents are mathematically formalized information flows. Already today in the economy and in society, they are attributed social identity and ability to act under certain conditions. Due to social action attribution, they have become non-human members of society. They pose three new liability risks: (1) the risk of autonomy, which has its origin in stand-alone “decisions” taken by the software agents, (2) the composite risk, which is due to the close cooperation between people and software agents, and (3) the network risk that occurs when computer systems operate in close integration with other computer systems. These risks pose a challenge for private law: to define a new legal status for autonomous digital information systems – however not simply as complete legal personification of software agents, human-computer associations or multi-agent systems respectively. Rather, in response to each of the three risks, a legal status should be granted to each of the algorithmic types that is carefully calibrated to their specific role.

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Recht und Sozialtheorie: Drei Probleme

Drei Theoriekatastrophen sind dafür verantwortlich, dass nach anfänglich hoher Theorieaffinität die deutsche Rechtsdogmatik sich heute gegenüber Sozialtheorien weitgehend immunisiert hat. Der Beitrag diskutiert die Alternative eines distanzierten Umgangs mit Sozialtheorien. Dieser kann in der Begegnung von Sozialtheorie und Recht einen rechtsdogmatischen Mehrwert dann erzeugen, wenn es der Rechtsdogmatik gelingt, dem prekären Verhältnis von Autonomie und Interdependenz in drei unterschiedlichen Dimensionen gerecht zu werden: (1) Theoriekonkurrenz: Wie soll das Recht eine Auswahl treffen, wenn konkurrierende Sozialtheorien miteinander nicht kompatible Analysen von Sozialphänomenen liefern? (2) Wissenstransfer: Wie lassen sich Konstrukte der Sozialtheorien in das Recht übertragen? (3) Und schliesslich die heikelste Frage nach der Normativität von Sozialtheorien: Lassen sich aus wissenschaftlichen Theorien normative Kriterien für die Rechtspraxis gewinnen? Antworten zu diesen Fragen werden am Beispiel der horizontalen Grundrechtswirkung in halb-privaten Netzwerken der Medizinforschung formuliert.

E
Law and Social Theory: Three Problems

Three theory disasters are responsible for the fact that, after an initial close affinity to theory, German legal doctrine has now become largely immunised against social theories. This paper discusses the alternative of a distanced approach to social theories. At the point where social theory comes into contact with law, this approach is able to generate added value for legal doctrine, if legal doctrine is able to take into account the precarious relationship between autonomy and interdependence in three different dimensions: (1) competition between theories: how is the law to make a selection, when competing social theories provide mutually incompatible analyses of social phenomena? (2) knowledge transfer: how can constructs of social theories be transferred to the law? (3) and, finally, the highly complex issue of the normativity of social theories: can normative criteria for legal practice be derived from academic theories? Answers to these questions are formulated on the basis of the example of the horizontal effect of fundamental rights in semiprivate networks of medical research.

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Das Recht vor seinem Gesetz

Franz Kafka zur (Un‐)Möglichkeit einer Selbstreflexion des Rechts

Stellen wir uns vor, der Mann vom Lande in Kafkas Parabel „Vor dem Gesetz“ sei nicht, wie es in der vorschnellen Rollenfixierung zahlreicher Kafka‐Interpretationen heißt, das menschliche Individuum, das der Gewalt der institutionalisierten Gesetzlichkeit (der Macht, der Moral, der Religion etc.) ausgeliefert ist. Er sei stattdessen ein Richter „vom Lande“, einer der draußen im Lande einen Rechtsfall nach Recht und Gesetz zu behandeln hat und der nun in seinen Entscheidungsqualen mit dem Gesetz nicht zu Recht kommt.

E
The Law before its law

Franz Kafka on the (Im‐)Possibility of Law’s Self‐Reflection

Let us imagine that the man from the country in Kafka’s parable “Before the law” is not the human individual who has been delivered up to the force of institutionalised legalism (power, morality, religion etc), as we find in numerous Kafka interpretations with their somewhat over‐hasty role fixation. Let us suppose instead that he is a judge “from the country”, who – back there, in the country – has to deal with a legal case according to the law, and who now, in the torment of decision‐making, cannot find what is right according to the law.

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